Tu / Iss was Du willst. Wahre Liebe tut gut.

Tu was Du willst. Wer Michael Endes “Die unendliche Geschichte” gelesen hat, weiß, dass das gar nicht so einfach ist. Im Buch steht dieser Satz auf der Rückseite eines magischen Amulettes, welches dem Träger seine Wünsche erfüllt. Das Ganze findet in der fantastischen Welt Phantasien statt. Dort bekommt ein ganz normaler Menschenjunge, Bastian, das Amulett zu tragen und interpretiert diese Aufforderung dummerweise erstmal so, als ob er machen solle, worauf er sozusagen “Bock hat”. Das ging extrem schief in der Unendlichen Geschichte, bis Bastian von einem riesigen weisen Löwen namens Graógráman, aufgeklärt wurde, dass er seinen “wahren Willen” zu suchen hat. Und bitte nicht nach Gutdünken wild rumwünschen kann.

Es geht also um den wahren Willen. Der hat übrigens Tradition auch, in der Philosophie. Und dass sich seit tausenden von Jahren schlaue Köpfe darüber den Kopf zebrechen, das stärkt mich in meiner Auffassung, dass es einfach schwierig ist, diesen wahren Herzenswillen zu finden. Eine gute Lösung bietet meiner Meinung nach der Philosoph und Bischof Aurelius Augustinus. “Liebe und dann tu was Du willst.” Liebe sei das schwierigste Gesetz, heißt es dazu beim Augustiner Orden. Aus der Liebe können keine schlechten Entscheidungen getroffen werden, so die These. In jedem Falle gilt: “Es meint niemals, dass wir frei seien zu tun, was uns gerade einfällt.”

Auch in unserem ganz normalen, unfantastischen und vermutlich weniger philosophiegelenkten Alltag begegnen wir dieser Problematik. Zum Beispiel beim Essen. “Was will ich essen?” “Iss was Du willst,” sagt das intuitive Essen. Nur: Was will ich wirklich essen?

Gar nicht so einfach zu beantworten. Viele Menschen denken, man “dürfe” dann “endlich” alles essen, was einen spontan verlockt. Ungefähr so wie Bastian es mit dem Erfüllen seiner Begierden getan hat und damit beinahe ganz Phantasien in den Untergang gestürzt hätte. Das ist es meiner Meinung nach nicht. “Iss was Du willst” heißt nicht morgens ungefrühstückt dem Brötchenduft auf dem Bahnhof zu verfallen, in den Billigbäcker zu stolpern und uns mit unserem niedrigen Blutzucker ungeschützt den Versprechen eines Schokocroissant auszuliefern.

Wir müssen uns das Essen raussuchen, das wir wirklich wollen. Etwas bei dem wir uns vor dem Essen gut fühlen, während des Essens und nach dem Essen. Und zwar auf allen Ebenen.

Zum Beispiel geht es mir beim Mittagessen folgendermaßen: Ich freue mich schon auf das Essen, meistens weiß ich schon morgens, was ich essen werde oder zumindest wo. Ich blicke dem mit Vorfreude und Erleichterung entgegen. “Bald ist es soweit.” Wenn ich zwischendurch Hunger bekommen, dann fühle ich nicht, dass der vom Kollegen mitgebrachte Kuchen jetzt ein prima Einschub wäre. Den Appetit verderben will ich mir nicht! Ich nehme lieber nur ein “Tapas”. Etwas, was den Hunger kurz deckelt. Ein paar Nüsse, etwas Bitterschokolade, ein paar Oliven, vielleicht etwas Käse oder irgendetwas wovon ich weiß, es trägt mich durch die nächste Stunde. Bis ich ans wahre Essen komme.
Dann also esse ich. Und ich genieße es, vielleicht eine Lasagne mit Salat. Den Geschmack. Das schöne sinnliche Erlebnis. Das gute Gefühl im Bauch. Das Gefühl, wieder Kraft zu bekommen und alles, was mir die letzte(n) Stunde(n) alles so fehlte.

Und nach dem Essen bin ich glücklich. Das ist mein absolutes Ziel als Essprofi. Ich will rundum zufrieden sein. Genährt, satt, erfrischt und mit dem Gefühl, dass ich mir was Gutes ausgesucht habe. Luxus? Ich finde, genau das dürfen und sollten wir uns gönnen!
Im besten Falle sind mir die Zutaten sogar noch sympathisch. Vielleicht sind es Eier von den Hühnern eines Freundes oder Kartoffeln vom Lieblingsbauernhof oder ein Salat vom freundlichen Verkäufer vom Wochenmarkt. Das alles spielt mit hinein in das Gefühl “Das war das Richtige.”.

Ich vergleiche es manchmal mit der Liebe. Sicherlich ist es sehr aufregend, einem attraktiven Mitmenschen zu begegnen und sich in eine spontane Verliebtheit hineinfallen zu lassen. Und ein Seitensprung kann überaus verlockend sein. Aber geht es mir dabei auf allen Ebenen gut? Wie geht es mir hinterher? War das das Richtige?

Manchmal denke ich, dass einige Menschen beim Essen sogar nur den schnellen Sex suchen, wenn sie essen, was sie vermeintlich wollen. Sie lassen sich gehen, als ob sie ganz betrunken durch die Bar stolpern. Und das Bild ist gar nicht so schlecht, denn vieles in der Kantine, im Schnellrestaurant oder im modernen Supermarkt ist ja nur darauf ausgerichtet, unsere wahren Sinne zu betäuben. Musik und Licht sind klar kalkuliert, um unsere Kaufentscheidungen zu unterstützen. Zum Teil sehen wir nur Bilder vom Essen oder Verpackungen und lassen sie auf uns wirken und nicht das wahre nackte Essen. Nicht immer riechen wir das eigentliche Essen, sondern angemischte Düfte und so weiter und so weiter.

Kurz: Unsere gesamte Essumgebung ist darauf ausgerichtet, uns zu verführen und im Moment des Hungers eiskalt zu erwischen.

Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andernmal erzählt werden.

Das macht aber nichts. Wir können uns darüber erheben, kurz in uns gehen und fragen: Wird das gut sein für mich? Wie in einer festen Beziehung zu unserem wahrhaft guten essen können wir uns mitBlick auf das Schokocroissant, das Snickers im Süßigkeiteautomaten, der Pizzaecke oder auch dem Puddingstück beim Biobäcker fragen: Ist es mir das wert? Wie wird es mir hinterher gehen? Ist es das, was ich gegessen haben will? Vielleicht ist es genua das Richtige. Vielleicht wollen wir aber, ganz ehrlich, lieber eine Erbsensuppe wie von Mama. Oder einen indischen Karottensalat mit Sesam. Oder ein Spiegelei auf Brot mit saurer Gurke… Und dann brauchen wir das!

Jeder kann das. Wir haben alle eine ungefähre Vorstellung davon, wie es uns nach dem Essen gehen wird. Und je mehr wir beim Essen auf die Wirkung achten, desto klarer wird diese Voraussicht. Je ehrlicher wir dabei zu uns selbst sind, desto exakter können wir unseren wahren Willen beim Essen finden. Vielleicht sogar ein wenig augustinisch, in Liebe zu uns selbst.

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