Keiner will die Schokolade. Let go für die Liebe.

Zugegeben, die Schokolade auf dem Bild sieht auch nicht mehr besonders einladend aus, nachdem die Tiere der Nacht sie kurz beleckt haben. Aber auch andere, schöne Schokolade wird mal verschmäht. Von intuitiven und entspannten Essern. Nicht immer aber oft genug, um sie zu lieben. Denn die, denen es leicht fällt, weniger davon zu essen, die haben ein liebevolleres Verhältnis mit ihr, mit der Schokolade.

In den letzten Tagen bin ich umgeben von solchen, die freiwillig einen Rückzieher vor dem süßen Kakaogenuss machen. Niemand wollte sie. Die Straßenhunde nicht, die die Reste vom Abendessen, die auf der Schokolade lagen restlos vernichtet haben. Und dabei feinsäuberlich um die Schokolade herumleckten. Keine Katze wollte naschen und nicht einmal die Ameisen waren fleißig genug, sie in ihren Bau zu bringen.

Meine kleine Tochter steckte mir kurzerhand den Schokomarschmallowkeks in den Mund, den die freundlichen Handwerker ihr abgegeben haben. Sie wollte beide Hände frei haben für den Löffel mit Reis den ich ihr hinhielt. Ein Phänomen, dass ich bei so kleinen Kindern immer wieder beobachte. Wie gesagt, gerade verdichten sich die Vorfälle um mich herum, darum schreibe ich ja. Schon einen Tag später ließ sie das heißersehnte Schokoeis nach ein paarmal schlecken im Tante Emma Laden einfach fallen, um sich den dort angebotenen Zwiebeln zuzuwenden. Alles hat seine Zeit.

Auch andere können das, den angefangenen Schokoladenkuchen neben der Cappucchinotasse vergessen, wenn das Gespräch gut ist oder der Kuchen schlecht. Und nein, ich meine damit nicht die figurbewussten Asketen, die den Kuchen ja nicht einmal bestellen würden und sich überhaupt alles mit stahlharter Disziplin vom Leib halten was eben diesen weicher formen könnte. Ich meine Menschen, die ganz aus dem Moment und ihrem Appetit heraus entscheiden. So wie die Tiere und die kleinen Kinder.

Das nennt man intuitiv essen. Das Verrückte: Je weniger man darüber nachdenkt, ob man die Schokolade jetzt essen darf oder nicht, ob das gut ist oder schlecht, desto weniger braucht man sie. Und so ist das mit der Liebe: Je gelassener man mit guten Gefühlen geleitet begehrt, desto gesünder ist die Beziehung.

In der Wissenschaft spricht man von “flexibler Kontrolle”. Jene, die sich weniger an Essregeln halten, sind weniger dem Verlangen nach Süßigkeiten, auch Schokolade ausgeliefert. Das hat zum Beispiel ein Team von spanischen Psychologen hier untersucht.

Schlimm ist ja gar nicht die Schokolade sondern das Gefühl, nicht Nein sagen zu können bzw. Nein sagen zu müssen.

Gern würde ich hier die perfekten Beweise bringen, dass intuitive Esser, die auf ihren ehrlichen Appetit hören, keine Probleme mit Süßigkeiten und anderen “Verlockungen” haben. Aber die Forschung dazu gibt es nicht konkret. Indirekt sehen wir, dass diejenigen, die intuitiver essen, weniger Probleme mit ihrem Körpergewicht haben. So schlussfolgern es etwa französische Forscher hier, untersucht aus Datenerhebungen an 11774 Männern und 40389 Frauen. Natürlich geben sie zu bedenken, dass die Kausalität wieder einmal nicht eindeutig ist. Sind sie schlanker, weil sie intuitiv essen oder essen sie intuitiver, weil sie kein Gewichtsproblem haben?

Und da springt die jahrelange Beratungserfahrung in die Bresche und sagt: Es ist egal, ob die ersten Kilos die ersten Diäterfahrungen nach sich zogen oder umgekehrt. Ergebnis im Verlauf ist immer: Je mehr gemaßregelt wird, desto schlimmer wird das Gewichtsproblem. Desto unentspannter essen die Menschen. Desto mehr überessen sie. Desto verhasster wird die Schokoladenliebe.

Unter “Gummibandeffekt” und “den rosa Elefanten” erläutere ich die Mechanismen in meinem Buch “Einfach ehrlich essen. Warum wir uns auf unseren Appetit verlassen sollten.

Aber zurück zu ein bisschen inspirierender Wissenschaft. Kanadische Forscher sind der Meinung, dass man Schokocravings mit Achtsamkeit bekämpfen kann. Drei Typen von Achtsamkeitsfähigkeiten wurden dabei zwei Wochen lang geübt. Erkennen, Akzeptieren, Nichtidentifikation. Am wirksamsten war das Nichtidentifizieren. “Du bist nicht Deine Gedanken, Du bist nicht Deine Gefühle.” Das ist jetzt schon für Fortgeschrittene im Yogakurs. Einfach erklärt bedeutet das: Wer achtsam ist bewertet nicht nach „Gut“ oder „Schlecht“, erst einmal hat alles seine Berechtigung. Nur wenn man sich nicht mit dem Gedanken oder Gefühlen identifiziert, kann man neutral beobachten. Dann bekommt man Distanz zu den Dingen. Auch zur Schokolade oder dem Wut, dass ich die jetzt (angeblich) nicht essen darf. Durch Achtsamkeit entwickelt man eine Tugend, die im Buddhismus wichtig ist, im Yoga aber auch für den EHRLICHEN APPETIT: Gleichmut. Damit lässt es sich dann echt genießen!

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